Wie der erste Aphasiechor Österreichs entstand

once upon a time

Im Jahr 2009 erlitt Helmut Plattner (Ehemann von Christine Plattner) einen schweren Schlaganfall, welchen er wie durch ein Wunder überlebte, dadurch bekam er eine Aphasie (Sprachstörung). Trotz vieler Einheiten bei Logopäden und Übungen zu Hause besserte sich diese nur unwesentlich. Helmut war sehr unglücklich darüber.

Das soziale Leben des Ehepaares war so gut wie nicht mehr vorhanden, da Helmut kaum aus dem Haus gehen wollte. Viele Menschen scheuen sich auch davor mit ihm zu sprechen, da sie sagen, dass sie nicht verstehen würden was er sagt. Dabei wäre es nur nötig ein wenig Geduld aufzubringen und gut zuzuhören, denn man kann vieles verstehen. Es hilft auch in einfachen Sätzen zu sprechen, damit das Gehörte auf Helmuts Seite gut "weiterverarbeitet" werden kann.

Anfang des Jahres 2014 erfuhr Christine Plattner von einem Freund, Markus Gappmaier (ein in der Schweiz lebender Österreicher), dass es in der Schweiz Aphasie Chöre gibt. Er meinte, dass dies auch eine Möglichkeit für Helmut Plattner wäre, sich wieder mehr und besser verständlich zu machen. Sicherlich würde es Spaß machen zu singen, da Helmut früher immer ein Lied auf den Lippen hatte, summte oder pfiff.

Als Christine Plattner von diesen Chören erfuhr fing sie an nachzulesen und zu recherchieren: Es ist erwiesen, dass Menschen, die nicht, oder nicht gut sprechen können, sehr oft aber klare Worte singen können. Die Sprache, die zur Musik gehört, ist in anderen Regionen des Gehirns abgespeichert, als die Sprache selbst. Daher können viele, die nicht sprechen können weil ihr Sprachzentrum zerstört ist, sehr wohl singen.

Mit diesem Wissen begab sie sich auf die Suche, ob es denn so etwas in Österreich gäbe. Sie kontaktierte die verschiedensten Organisationen, Vereine, Krankenhäuser, Rehabilitations-Zentren, Musikpädagogen und so weiter, doch leider wusste niemand von einem derartigen Chor in Österreich. So entstand der Wunsch selbst den ersten Aphasie-Chor in Österreich zu gründen. Als Organisationsgenie übernahm sie die Aufgabe der organisatorischen Leitung und gründete so mit ihrer langjährigen Freundin Andrea Enenkel als musikalische Leitung (Chorleiterin) den Aphasiechor in Wien.

Doch was ist ein Chor ohne Menschen die singen? So stellte sich die Frage wo man Aphasiker (Menschen mit Aphasie) finde, die Lust hätten bei diesem Chor mitzusingen.

Durch Zufall (wenn man denn an Zufälle glaubt, denn Christine Plattner ist sich sicher, es war Führung von oben) fand sie die Webseite des Aphasie Clubs in Wien, der sich in den Räumen der Akademie der Wissenschaften im 3. Bezirk trifft. Nach Kontaktaufnahme mit der Gründerin dieses Clubs, Frau Dr. Jacqueline Stark (Neurolinguistin), lud diese sie zum Clubtreffen ein, damit auch den Clubmitgliedern die Idee des Aphasiechors vorgestellt werden konnte.

In dieser sehr gemütlichen Runde, in der viele Mitglieder des Clubs schwer, andere nur leicht betroffen, sprachgestört sind, gab es "trotzdem viel Spaß und Gelächter. Es bestand sofort ein Wohlgefühl in dieser Runde zu sein, in welcher es jedes Mal auch eine "Trainingseinheit" mit dem ELA Sprachprogramm (entwickelt von Fr. Dr. Stark) sowie Kaffee und Kuchen gibt.

Die Idee des Aphasie-Chors wurde vorgestellt und es gab sofort einige Menschen die teilnehmen wollten.

Da die Clubräumlichkeiten sehr klein sind und es dort kein Klavier gibt wurde als nächster Schritt nach einer Räumlichkeit für die Chorproben gesucht, die

  • mit einem Klavier ausgestattet,

  • behindertengerecht,

  • leicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist

  • & kostenlos zur Verfügung steht, da alle "Mitarbeiter" ehrenamtlich ihre Zeit dafür geben und schon Kosten haben würden durch die Anfahrt, Notenkopien, etc.. 

Nachdem verschiedene Varianten durchbesprochen wurden, kam man auf die Idee bei der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage nachzufragen, auch da diese ein Kirchengebäude in der Böcklinstraße (nicht allzu weit von den Clubräumen entfernt) haben.

Eine Zusage wurde erteilt und so fand am Donnerstag, den 10. April 2014, 14:00 Uhr, die erste Chorprobe statt.

Anwesend waren 8 Aphasiker, 1 Begleitperson, Fr. Dr. Stark (Leiterin des Aphasie-Clubs), unsere Chorleiterin Andrea Enenkel sowie unsere Organisatorin Christine Plattner.

Nach der Vorstellungsrunde kamen die Stimmübungen, dann wurden Lieder gesungen (gesummt, gebrummt,…), die alle von früher kannten. Die Stimmung war sehr entspannt und man konnte sehen, wie viel Freude es allen machte zu singen. Dazwischen gab es auch immer wieder mal Gelächter.  Der Nachmittag klang dann mit Gesprächen bei Kuchen und Getränken aus. Selbstverständlich wurden Fotos gemacht um alles festzuhalten.

 

Wie sich der Chor weiterentwickelte

 

Mittlerweile ist unser Chor gewachsen und wir haben eine gut gefüllte Mappe mit den verschiedensten Liedern, von Volksliedern, über Schlager, englische Titel und Gospels ist alles dabei. Das gibt uns ein gutes Repertoire und wir können jederzeit singen wonach uns zumute ist. Es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Bei den Proben gibt es auch jedes Mal Wunschlieder, so dass alle Freude haben.

Oktober ist der „internationale Monat der Aphasie“ und in diesem Zusammenhang findet jedes Jahr auch in Wien eine Veranstaltung statt, die auf Aphasie aufmerksam machen soll.  In diesem Rahmen hatten wir unseren aller ersten Auftritt, am 22. Oktober 2014, bei dieser Veranstaltung im Theatersaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.  Die Aufregung war groß und monatelang wurde dafür geprobt. Zwischen den Programmpunkten sang der Chor mehrere Lieder die dem Applaus zufolge gut ankamen.

Der zweite Auftritt war dann am 21. Juni 2015 bei einem Abendmahlsgottesdienst im Gemeindehaus Wiener Neustadt der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Die zwei Kirchenlieder, die schon einige Zeit geprobt wurden, sorgten für einen stark zu verspürenden Geist. Viele Mitglieder dieser Gemeinde hatten Tränen in den Augen und auch unsere Sänger waren sehr angetan.

Am 27. Oktober 2015 folgte der dritte Auftritt unseres Aphasie-Chors, wieder im Rahmen einer Veranstaltung zu „Oktober, der internationale Monat der Aphasie“.